Wien, Vorarlberg und ein Gesichtsausdruck, den man nicht vergisst
Herr Schopf hätte das Smartphone einfach verschicken können.
Ein gepolstertes Paket, ein Paketdienst, eine Sendungsnummer zum Verfolgen. So läuft das in den meisten Fällen, auch bei sensiblen Geräten.
Er wollte es nicht.
Nach drei Jahren, in denen dieses eine Smartphone der letzte offene Punkt in einem Nachlassfall geblieben war, wollte der Wiener Berufsdetektiv kein Risiko mehr eingehen, das sich vermeiden liess. Ein verlorenes Paket. Ein beschädigter Transport. Eine Verzögerung, die den Fall um weitere Wochen verlängert hätte.
Also setzte er sich selbst ins Auto.
Von Wien nach Vorarlberg, in unser Datenrettungslabor der GN Data Recovery Group – und ein paar Wochen später noch einmal, um das Ergebnis persönlich abzuholen.
„Bei diesem Fall wollte ich das Gerät keine Sekunde aus den Augen lassen, die ich vermeiden konnte", sagt Schopf rückblickend. „Mein Mandant hatte drei Jahre gewartet. Ein verlorenes Paket hätte ich ihr nicht erklären können."
Die Übergabe
Der erste Termin war unspektakulär. Ein Gerät, eine kurze Übergabe, ein paar Fragen zur Vorgeschichte. Schopf erzählte, was er in den drei Jahren zuvor bereits versucht hatte, welche Stellen er kontaktiert hatte, warum das Smartphone all die Zeit über geladen und die SIM-Karten aktiv geblieben waren.
Das Gerät war ein Samsung Galaxy S23. Für unser Labor war das eine wichtige Information, aber keine gute Nachricht: Nach offiziellem Kenntnisstand gibt es keinen bekannten Weg, die Bildschirmsperre eines Galaxy S23 ohne den Code zu umgehen. Kein Hersteller-Tool, keine öffentlich dokumentierte Methode, keine Standardlösung, die sich einfach anwenden liesse.
Das haben wir Herrn Schopf beim ersten Termin auch so gesagt. Nicht, um die Erwartungen zu dämpfen, sondern weil es ehrlich der Stand der Dinge war.
Was er nicht ahnte: Er würde für den entscheidenden Moment noch einmal persönlich anreisen – und diesmal nicht nur als Auftraggeber, sondern als Augenzeuge.
Der eigentliche Durchbruch
Was zwischen der ersten Übergabe und Schopfs zweiter Anreise geschah, war die eigentliche technische Arbeit an diesem Fall – und sie fand ohne Publikum statt.
Wochenlange Analyse an einem Gerät, für das es offiziell keinen bekannten Entsperrweg gibt. Nach unserem Kenntnisstand ist unser Labor bislang der einzige Datenretter, dem das bei einem Galaxy S23 gelungen ist. Die technischen Details dazu veröffentlichen wir aus denselben Gründen nicht, die für jeden gerätespezifischen Ansatz gelten: Sie liessen sich nicht auf andere Fälle übertragen, und in falschen Händen könnten sie mehr schaden als nützen.
Als der Bildschirm sich zum ersten Mal seit drei Jahren öffnete, war das für unser Team der Moment, auf den die eigentliche fachliche Arbeit hingearbeitet hatte. Wir riefen Herrn Schopf an, um ihm die Nachricht zu überbringen.
„Ich war ehrlich überrascht, dass es überhaupt möglich war", sagt Schopf dazu. „Ich hatte in den drei Jahren davor mit genug Fachleuten gesprochen, um zu wissen, dass das kein Standardfall ist. Als der Anruf kam, wollte ich nicht einfach nur das Ergebnis hören. Ich wollte sehen, was jetzt auf dem Gerät ist."
Der Tag, an dem sich alles entschied
Für Schopfs zweiten Besuch war die grösste Hürde bereits genommen. Was jetzt kam, war aus technischer Sicht eher Routine: Ein Gerät, das lange nicht in Betrieb war, braucht in der Regel Updates, bevor Apps wieder normal laufen. Das ist Standardprozedur bei praktisch jeder Datenrettung an einem älteren, lange ungenutzten Gerät.
Nur fühlte es sich an diesem Nachmittag nicht danach an.
Das Gerät startete. So weit, so erwartet. Aber als WhatsApp geöffnet werden sollte, blieb der Bildschirm hängen – mit der immer gleichen Meldung, dass Datum und Uhrzeit falsch eingestellt seien. Beides stimmte. Das Problem war eine völlig veraltete App-Version, die sich nicht mehr regulär aktualisieren liess, weil der Zugriff auf das hinterlegte Google-Konto fehlte.
Technisch war das ein bekanntes, lösbares Problem. Aber es war live, vor den Augen des Mannes, der drei Jahre auf genau diesen Nachmittag gewartet hatte.
„Ich habe an dem Nachmittag ehrlich gesagt kurz gedacht, jetzt scheitert es an einer App-Meldung, nachdem ihr das Unmögliche schon geschafft hattet", erinnert sich Schopf. „Rational wusste ich, dass das kein Vergleich zur Bildschirmsperre war. Aber in dem Moment habe ich das nicht so empfunden."
Telefonate in alle Richtungen
Was in unserem Labor folgte, war kein ruhiges, methodisches Vorgehen nach Lehrbuch – auch wenn das eigentliche Problem, verglichen mit der Bildschirmsperre wenige Wochen zuvor, technisch überschaubar war. Es war eine sehr konzentrierte, sehr schnelle Suche nach einem Weg, WhatsApp ohne den regulären Play-Store-Weg zu aktualisieren, ohne dabei die auf dem Gerät liegenden Chatdaten zu gefährden.
Mehrere Telefonate liefen parallel. Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Netzwerk wurden kontaktiert, Fachleute, mit denen man in schwierigen Fällen sonst gute Erfahrungen gemacht hatte. Einer nach dem anderen hatte keine sofort einsetzbare Lösung.
Schopf sass die ganze Zeit daneben.
„Ich habe zugeschaut, wie systematisch alle Optionen durchgegangen wurden. Man merkt in so einem Moment, dass da keine Standardlösung aus der Schublade gezogen wird, sondern wirklich gearbeitet wird", sagt er dazu. „Das war fast wie eine Live-Übertragung meines eigenen Falls."
Die Lösung kam schliesslich nicht aus einem der Telefonate, sondern aus der eigenen Analyse: eine passende WhatsApp-Version manuell und kontrolliert direkt auf dem Gerät zu installieren, statt auf ein funktionierendes Google-Konto zu warten, das es in diesem Fall nicht geben würde.
Zwei SIM-Karten, eine Entscheidung
Für den nächsten Schritt brauchte es die Telefonnummer, die ursprünglich mit dem WhatsApp-Konto verknüpft war. Herr Schopf hatte über die Jahre nicht nur eine, sondern zwei SIM-Karten des Verstorbenen aufbewahrt und aktiv gehalten.
Nur: Welche der beiden Karten war die richtige?
Das war keine triviale Frage. Eine Sicherheitsprüfung bei WhatsApp lässt sich nicht beliebig oft wiederholen. Eine Aktivierung mit der falschen Karte hätte im schlechtesten Fall zusätzliche Sperren ausgelöst oder wertvolle Versuche verbraucht – in einem Fall, in dem ohnehin schon jeder Schritt heikel war.
Also wurde vor der eigentlichen Verifikation erst geprüft und abgeglichen, welche der beiden Karten zur ursprünglichen Nummer auf dem Gerät passte.
„In dem Moment war ich froh, dass ich beide Karten mitgebracht hatte und nicht vorschnell eine davon zu Hause gelassen hatte", sagt Schopf. „Aber ich hätte selbst nicht sagen können, welche die richtige ist. Das war reine Nervensache."
Der Moment
Als die richtige SIM-Karte feststand, ging alles sehr schnell. Die Sicherheitsprüfung lief durch. WhatsApp öffnete sich. Und auf dem Bildschirm erschienen die Chats, die seit drei Jahren nicht mehr sichtbar gewesen waren.
Zwei Dinge, die an diesem Fall aussergewöhnlich waren
Für unser Labor bleibt dieser Fall aus einem klaren technischen Grund in Erinnerung: Nach offiziellem Kenntnisstand gibt es keinen bekannten Weg, ein Galaxy S23 ohne den Bildschirmcode zu entsperren. Dass es in diesem Fall trotzdem gelungen ist, ist – nach allem, was wir wissen – bislang einzigartig in unserer Branche.
Für Herrn Schopf bleibt der Fall aus einem anderen Grund in Erinnerung: Weil er nicht nur ein Ergebnis mitgeteilt bekam, sondern live miterlebte, wie ein scheinbar kleines Detail – eine falsche SIM-Karte, ein Bestätigungscode – über Erfolg oder erneuten Stillstand hätte entscheiden können.
„Ich sitze seit über zwanzig Jahren in Situationen, in denen ich Menschen Ergebnisse überbringen muss, gute wie schlechte. Aber ich habe selten so direkt miterlebt, wie sich ein Fall in Echtzeit vor mir auflöst", sagt er. „Der Moment, als die ersten Chats sichtbar wurden, war für mich fast unwirklich. Drei Jahre, ein Gerät, das eigentlich niemand öffnen kann – und dann geht es plötzlich einfach auf."
Warum die persönliche Anreise am Ende zählte
Im Nachhinein liesse sich einwenden, dass ein Versand genauso funktioniert hätte. Vielleicht wäre das Ergebnis technisch identisch gewesen.
Was dabei verloren gegangen wäre, ist etwas anderes: die Möglichkeit, live dabei zu sein, wenn ein Fall entweder endgültig scheitert oder endlich gelingt. Bei einem Nachlassfall, der drei Jahre gedauert hat, ist das kein Detail am Rand. Es ist der Unterschied zwischen einer E-Mail mit einem Ergebnis und einem Moment, den man tatsächlich miterlebt hat.
Für Angehörige, die einen ähnlichen Fall haben, mag der Versand eines Geräts der pragmatischere Weg sein. Aber wer die Möglichkeit hat, persönlich dabei zu sein, sollte sie nutzen – gerade dann, wenn ein Fall lange genug gedauert hat, dass ein Ergebnis mehr sein soll als eine Benachrichtigung auf dem Bildschirm.